01.04.2010, 15:16
Polypille fördert Kauflust in Berliner Autohäusern
Detroit/Berlin – Die deutschen Automobilhersteller wollen den stockenden Verkauf von Fahrzeugen der gehobenen Preisklasse mithilfe von Medikamenten fördern. Mehrere Autohäuser in Berlin haben begonnen, Polypillen an Besucher auszugeben. Der „Consumption Enhancer“ hatte in einer US-Studie den Absatz von Automobilen deutlich gesteigert. Die Ärztekammer warnt vor der Einnahme der unzureichend untersuchten Wirkstoffkombination.
Im „Controlled trial On a New Strategy for Unmet needs in Metropolitan Economy“ oder CONSUME-Studie erhielten Einwohner in mehreren Stadtteilen der Autostadt Detroit einen Einkaufsgutschein über 500 US-Dollar zusammen mit einer Tüte Gummibärchen, die entweder die Wirkstoffe der Polypille oder ein Placebo enthielten.
Gleichzeitig wurden Werbematerialien der Automobilhersteller beigelegt, um den Konsum in die richtige Richtung zu lenken. Primärer Endpunkt der Studie war die Umsatzentwicklung in den lokalen Autohäusern. Die Wirkung war kolossal, berichtete Mark Biederman von der Universität Pittsburgh jüngst auf der Frühjahrstagung der American Association of Consumer Researchers in Washington.
Innerhalb weniger Tage verdoppelten sich die Verkaufszahlen von Automobilen (Odds Ratio 2,14; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,8-2,7), vor allem der Absatz von teuren Fabrikaten US-amerikanischer Bauart stieg rasant an (Odds Ratio 3,5; 2,8-7,0). Viele Verbraucher waren regelrecht enthemmt, teilt Biederman mit. „Man konnte spüren, wie sie eine aufgestaute Last von sich warfen.“
Eine Kosten-Nutzen-Analyse ergab, dass die Maßnahme kosteneffektiv ist. Die 500 US-Dollar liegen weit unter den üblichen Rabatten beim Autokauf, erläutert Adrian Schatzfield vom Dachverband der US-Automobilindustrie. Unter der Wirkung der Polypille gebe es aber kaum noch Verhandlungen um den Preis. Die meisten Geschäfte konnten rasch abgewickelt werden, soweit die Kreditkarten der Käufer eine Deckung aufwiesen.
Die Polypille enthält laut Biederman mehrere bereits zugelassene Wirkstoffe, weshalb sich eine zeitaufwendige präklinische Prüfung erübrigt habe. Zu den „consumption enhancers“ gehören ein Antidepressivum aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).
Es fördert die Neigung, den Autosalon aufzusuchen. Der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat mildert die Unruhe vor der Kaufentscheidung, ein Benzodiazepin nimmt die Angst vor dem Kaufvertrag. Ein Dopaminagonist verstärkt die unmittelbare Belohnungsreaktion und verhindert, dass die Entscheidung bereut und der Kauf in den nächsten Tagen rückgängig gemacht wird.
Ethische Bedenken hat Biedermann nicht: In diesem Land lassen sich Frauen mit Botox die Falten glätten, Männer erhalten im Fitnessstudie muskelaufbauende Präparate, Büroangestellte nehmen Betablocker, um dem Arbeitsstress standzuhalten. Da sei es nur recht und billig, die durch negative Konjunkturberichte ausgelöste Konsumhemmung medikamentös zu behandeln. Irgendwann, so der Konsumforscher, hätten sie das Auto sowieso gekauft.
Das überzeugte auch einige deutsche Besucher des Kongresses: Beamte des Bundeswirtschaftsministeriums, die Karl-Theodor zu Guttenberg auf seiner USA-Reise begleitet hatten, und Vertreter der Automobilindustrie griffen sofort zu. Mit einem Vorrat an Polypillen kehrten sie nach Berlin zurück. Die „consumption enhancer“ wurden über den Automobilverband an Autohäuser der gehobenen Preisklasse in Berlin verteilt, die von der Abwrackprämie nicht profitiert haben.
Die Hauptstadt wurde als erster Einsatzort gewählt, weil die Gummibärchen irgendwie zu Berlin passen. Von Geschmack und Form unterscheidet sich die Polypille nicht von handelsüblichen Gummibärchen. Sie sind allerdings schwarz eingefärbt, aus Dankbarkeit, da die derzeitige US-Administration entgegen anfänglicher Bedenken der Arzneimittelbehörde FDA der Studie sofort zugestimmt hatte.
Gutscheine sind in Deutschland nicht vorgesehen. Die ganze Aktion sollte geheim gehalten werden, auch um Einwände des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zu vermeiden. Das hätte uns um Monate zurückgeworfen, teilt ein Mitarbeiter des Ministeriums mit, der nicht genannt werden wollte.
Aufgrund der neuesten Konjunkturdaten sei aber sofortiges Handeln notwendig geworden. Im Frühjahr ist der Absatz von Sportcoupés am größten. Hier könnte es ohne Polypille zu einem kompletten Ausfall kommen, warnt ein Vertreter des Automobildachverbands.
Einem Betriebsarzt eines größeren Autohauses in Berlin kamen dann doch Bedenken. Er wandte sich gestern an die Ethikkommission der Berliner Ärztekammer. Dort hielt man sich gar nicht weiter damit auf, Protestbriefe an Ministerien und Automobilverbände zu schreiben.
Mitarbeiter der Ethikkommission waren den ganze Tag über unterwegs, um alle schwarzen Gummibärchen einzusammeln. Gerüchte, die Ärztekammer wolle sie an Ärzte weiterleiten, um die Akzeptanz von Praxisgebühr und privaten Zusatzleistungen zu fördern, wurden schärfstens dementiert.
Es wurde vielmehr vor dem Verzehr der schwarzen Gummibärchen gewarnt. Wechselwirkungen der einzelnen Bestandteile mit anderen Medikamenten seien nicht ausgeschlossen. Betroffene Berliner sollten sich an ihren Hausarzt wenden (Bitte die 10 Euro für die Praxisgebühr nicht vergessen. Neues Quartal!).
© rme/aerzteblatt.de
Quelle
Detroit/Berlin – Die deutschen Automobilhersteller wollen den stockenden Verkauf von Fahrzeugen der gehobenen Preisklasse mithilfe von Medikamenten fördern. Mehrere Autohäuser in Berlin haben begonnen, Polypillen an Besucher auszugeben. Der „Consumption Enhancer“ hatte in einer US-Studie den Absatz von Automobilen deutlich gesteigert. Die Ärztekammer warnt vor der Einnahme der unzureichend untersuchten Wirkstoffkombination.
Im „Controlled trial On a New Strategy for Unmet needs in Metropolitan Economy“ oder CONSUME-Studie erhielten Einwohner in mehreren Stadtteilen der Autostadt Detroit einen Einkaufsgutschein über 500 US-Dollar zusammen mit einer Tüte Gummibärchen, die entweder die Wirkstoffe der Polypille oder ein Placebo enthielten.
Gleichzeitig wurden Werbematerialien der Automobilhersteller beigelegt, um den Konsum in die richtige Richtung zu lenken. Primärer Endpunkt der Studie war die Umsatzentwicklung in den lokalen Autohäusern. Die Wirkung war kolossal, berichtete Mark Biederman von der Universität Pittsburgh jüngst auf der Frühjahrstagung der American Association of Consumer Researchers in Washington.
Innerhalb weniger Tage verdoppelten sich die Verkaufszahlen von Automobilen (Odds Ratio 2,14; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,8-2,7), vor allem der Absatz von teuren Fabrikaten US-amerikanischer Bauart stieg rasant an (Odds Ratio 3,5; 2,8-7,0). Viele Verbraucher waren regelrecht enthemmt, teilt Biederman mit. „Man konnte spüren, wie sie eine aufgestaute Last von sich warfen.“
Eine Kosten-Nutzen-Analyse ergab, dass die Maßnahme kosteneffektiv ist. Die 500 US-Dollar liegen weit unter den üblichen Rabatten beim Autokauf, erläutert Adrian Schatzfield vom Dachverband der US-Automobilindustrie. Unter der Wirkung der Polypille gebe es aber kaum noch Verhandlungen um den Preis. Die meisten Geschäfte konnten rasch abgewickelt werden, soweit die Kreditkarten der Käufer eine Deckung aufwiesen.
Die Polypille enthält laut Biederman mehrere bereits zugelassene Wirkstoffe, weshalb sich eine zeitaufwendige präklinische Prüfung erübrigt habe. Zu den „consumption enhancers“ gehören ein Antidepressivum aus der Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI).
Es fördert die Neigung, den Autosalon aufzusuchen. Der Ritalin-Wirkstoff Methylphenidat mildert die Unruhe vor der Kaufentscheidung, ein Benzodiazepin nimmt die Angst vor dem Kaufvertrag. Ein Dopaminagonist verstärkt die unmittelbare Belohnungsreaktion und verhindert, dass die Entscheidung bereut und der Kauf in den nächsten Tagen rückgängig gemacht wird.
Ethische Bedenken hat Biedermann nicht: In diesem Land lassen sich Frauen mit Botox die Falten glätten, Männer erhalten im Fitnessstudie muskelaufbauende Präparate, Büroangestellte nehmen Betablocker, um dem Arbeitsstress standzuhalten. Da sei es nur recht und billig, die durch negative Konjunkturberichte ausgelöste Konsumhemmung medikamentös zu behandeln. Irgendwann, so der Konsumforscher, hätten sie das Auto sowieso gekauft.
Das überzeugte auch einige deutsche Besucher des Kongresses: Beamte des Bundeswirtschaftsministeriums, die Karl-Theodor zu Guttenberg auf seiner USA-Reise begleitet hatten, und Vertreter der Automobilindustrie griffen sofort zu. Mit einem Vorrat an Polypillen kehrten sie nach Berlin zurück. Die „consumption enhancer“ wurden über den Automobilverband an Autohäuser der gehobenen Preisklasse in Berlin verteilt, die von der Abwrackprämie nicht profitiert haben.
Die Hauptstadt wurde als erster Einsatzort gewählt, weil die Gummibärchen irgendwie zu Berlin passen. Von Geschmack und Form unterscheidet sich die Polypille nicht von handelsüblichen Gummibärchen. Sie sind allerdings schwarz eingefärbt, aus Dankbarkeit, da die derzeitige US-Administration entgegen anfänglicher Bedenken der Arzneimittelbehörde FDA der Studie sofort zugestimmt hatte.
Gutscheine sind in Deutschland nicht vorgesehen. Die ganze Aktion sollte geheim gehalten werden, auch um Einwände des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zu vermeiden. Das hätte uns um Monate zurückgeworfen, teilt ein Mitarbeiter des Ministeriums mit, der nicht genannt werden wollte.
Aufgrund der neuesten Konjunkturdaten sei aber sofortiges Handeln notwendig geworden. Im Frühjahr ist der Absatz von Sportcoupés am größten. Hier könnte es ohne Polypille zu einem kompletten Ausfall kommen, warnt ein Vertreter des Automobildachverbands.
Einem Betriebsarzt eines größeren Autohauses in Berlin kamen dann doch Bedenken. Er wandte sich gestern an die Ethikkommission der Berliner Ärztekammer. Dort hielt man sich gar nicht weiter damit auf, Protestbriefe an Ministerien und Automobilverbände zu schreiben.
Mitarbeiter der Ethikkommission waren den ganze Tag über unterwegs, um alle schwarzen Gummibärchen einzusammeln. Gerüchte, die Ärztekammer wolle sie an Ärzte weiterleiten, um die Akzeptanz von Praxisgebühr und privaten Zusatzleistungen zu fördern, wurden schärfstens dementiert.
Es wurde vielmehr vor dem Verzehr der schwarzen Gummibärchen gewarnt. Wechselwirkungen der einzelnen Bestandteile mit anderen Medikamenten seien nicht ausgeschlossen. Betroffene Berliner sollten sich an ihren Hausarzt wenden (Bitte die 10 Euro für die Praxisgebühr nicht vergessen. Neues Quartal!).
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